Venezuela

Land des Orinoco

Im feuchten und dicht bewaldeten Tiefland zwischen Venezuela und Guyana agiert der Fluss Cuyuni als Demarkationslinie zwischen den beiden verfehdeten Staaten. Die simultane territoriale Beanspruchung des Grenzgebietes hat beide Republiken in einen Stellungskrieg getrieben. Alle Grenzübergänge auf dem Landweg sind geschlossen und auf beiden Seiten des Ufers sind verstreut kleinere Einheiten postiert, die sich immer wieder kleinere Scharmützel mit ihren Nachbarn liefern. Meist unfreiwillig dazu berufen, harren sie im dreimonatigem Rhythmus fern ab von jeglicher Zivilisation und der Heimat ihren Familien im Dschungel aus und versuchen die Zeit so gut es eben geht zu überbrücken, bis die Ablöse sich den Weg durch das unwegsame Gelände gebahnt hat. Ihr einziger Zeitvertreib scheint das Dominospiel und die Jagd auf „Tiere aller Art“ zu sein. Uniformen werden nur getragen, wenn „höherer“ Offiziersbesuch droht oder die Wachablösung naht.

Auf dem Weg zum Amazonas bot sich meinem Freund Markus und mir die Chance mit einem Indianer, dessen Bekanntschaft wir in Ciudad Bolívar machten, mit einem Träger und einem Jäger bis an die Grenze zu Guyana zu marschieren.

Noch am Anfang unserer Südamerikareise hatten wir nur geringe Vorstellungen davon, was es heißt, bei äquatorialen Temperaturen und einer relativen Luftfeuchte von über 90% mit ausgewachsenem Gepäck zu Fuß durch einen tropischen Primärwald zu marschieren. Was wir allerdings noch viel weniger zu träumen gedacht haben, war die Tatsache, dass uns unsere Reise genau zu einem dieser vorgelagerten Grenzposten führen sollte. Wir haben nicht schlecht gestaunt, als sich vor unseren Augen in einer Lichtung plötzlich ein Militärcamp mit schwer bewaffneten Männern auftat. Die Tage an diesem Ort der Welt waren gefühlstechnisch sehr ambivalent. Zum einen schien unsere Ankunft eine willkommene Abwechslung für die Soldaten zu sein, wir wurden sehr gastfreundlich aufgenommen und waren quasi - in medias res - als Teil der Truppe integriert; auf der anderen Seite befiel uns angesichts der prekären Lage immer eine Portion Skepsis und Unbehagen. So war es nicht einfach, bei der „Spaß-Jagd“ auf Krokodile und Kaimane gute Miene zum bösen Spiel zu machen, oder angesichts der allgegenwärtigen Waffen wirklich ernsthaft daran zu denken, im Spiel zu gewinnen. Es war stets ein Vabanquespiel aus Zustimmung und Distanz.

Am Ende aber hinterliess der sicherlich sehr naive Ausflug ins Reich der militärischen Demonstration ein anderes Bild vom sonst so unberechenbaren Militär Südamerikas (und da habe ich wirklich schlechte Erfahrungen sammeln müssen). Luis, Ferrin und die Anderen waren echte “compañeros” und ich würde Menge Spaß daran haben, sie eines Tages wieder zu treffen. Am liebsten ohne Waffen und mit ihren Familien, von denen sie unentwegt erzählten...