Kambodscha
Das verminte Königreich
Von all meinen Reisen, war die durch Kambodscha die eindrucksvollste und gleichzeitig erschütterndste überhaupt. Die Spuren, die der Krieg hinterlassen hat, waren allgegenwärtig. Nach Afghanistan ist Kambodscha das minenverseuchteste Land der Erde. Nirgendwo sonst traf ich so viele Menschen die unter den Folgen des Krieges zu leiden hatten. Morgens trieben die Bauern ihr Vieh auf die Reisfelder, um zu sehen, ob in der vergangenen Nacht nicht neue Minen gelegt wurden, denn die Aktivitäten der Roten Khmer waren damals noch nicht abgeklungen. Die kurze Zeit, die ich in Kambodscha verbringen durfte, hat wie kein anderes Ereignis in meinem Leben das innerste meiner Seele bewegt und aufgewühlt...
Das moderne Kambodscha ist der Nachfolgestaat des mächtigen Khmer-Reichs, das während der Angkor-Periode vom 9. bis zum 14. Jh. große Gebiete des heutigen Vietnam, Laos und Thailand beherrschte. Kambodscha ist heute etwa halb so groß wie die Bundesrepublik Deutschland. Der wichtigste Verkehrsweg in Kambodscha ist der Mekong und der Tonle Sap, der an seiner größten Ausdehnung über 50 km breit ist und sich aus Zigtausenden von Wasserkanälen speist. Sein normaler Wasserstandspegel beträgt ca. zwei Meter. In der Regenzeit steigt er dann oft über 10 m und begräbt 8.000 km2 Urwald unter sich.
Die Reise
Gesicht auf dem Bayon
Das riesenhafte Gesicht stellt den allgegenwärtigen Buddha und den König dar. Spätere Herrscher veränderten die Bauten, indem sie ihr eigenes Abbild hinzufügten und die bestehenden Gesichtsdarstellungen entfernen ließen
Die Fahrt auf dem Mekong über den Tonle Sap bis hin zu Siem Reap dem Ausgangspunkt für die Besichtigung Ankors dauerte 4 Tage und war eine Probe für europäische Nerven. Das Schiff hielt während dieser Zeit nicht an. Für ca. 100 Passagiere konstruiert, beherbergte es mehr als 400 Personen unter Deck, welche dicht an dicht gedrängelt, neben- und übereinander in ihren Hängematten ein Gewimmel aus Mensch und Fracht ergaben. Die einzige Toilette an Bord war schnell unbrauchbar und so wurde der unabdingbare "Gang zur Reling" zum würdelosen Prozess. Während der Überfahrt wurde vom Ufer her mehrfach auf uns geschossen. Die Schützen blieben unsichtbar. Nur einmal wurden wir von einem kanadischen UN-Schnellboot gestoppt und an der Weiterfahrt gehindert. Wenige Minuten später erhellten Leuchtspurmunition und Granatfeuer die Dunkelheit der Nacht. Dicht gedrängt versuchten wir uns so gut es eben ging hinter der Reling zu schützen, wohl wissend, dass der uralte Kahn freilich keine wirkliche Sicherheit bot. Dem beherzten Einsatz der Kanadier verdanken wir vermutlich unser Leben.
Für alle Reisewilligen: Ich habe die geschilderten Erfahrungen bereits vor etwa 8 Jahren gemacht. Damals verlief die Kampfgrenze zwischen den Resten der zerschlagenen Khmer Truppen und den Regierungseinheiten etwa in der Gegend um Angkor. Fast alle vietnamesischen Truppen wurden im September 1989 abgezogen und versetzten das damalige Regime von Hun Sen in eine prekäre Lage. Im Oktober 1991 unterzeichneten die Konfliktparteien ein Friedensabkommen, das eine UN-Übergangsverwaltung und einen Obersten Nationalrat, dem die meisten Splittergruppen angehörten, vorsah. Ab 1992 kam es immer wieder zu Gewalttaten, die von den Roten Khmer angezettelt wurden und sich häufig gegen die UN-Friedenstruppe richteten. Ohne die Hilfe von UN-Truppen hätte ich Anfang 93 Angkor niemals gesehen. Das Visum habe ich in Bangkok ’schwarz’ im vietnamesischen Konsulat gekauft, weil eine offizielle Einreise von Thailand nach Kambodscha damals nicht möglich war. Die militärische Auseinandersetzung mit rebellierenden Einheiten der Roten Khmer endete dann im Dezember 1998. Ihre Führer kapitulierten am 25. Dezember 1998. Anfang Februar 1999 wurden auch die letzten Verbände der Roten Khmer aufgelöst und in die Armee eingegliedert. Es ist also wieder Frieden eingekehrt und einer geplanten Reise nach Kambodscha sollte nichts im Wege stehen.
Gefahren
Straße am Angkor Wat
Kambodscha ist eines der ethnisch homogensten Länder Südostasiens. Fast 95% der Kambodschaner gehören der Volksgruppe der Khmer an. Die größten ethnischen Spannungen gibt es zwischen den Khmer und den Vietnamesen. Seit über 2000 Jahren gehören die Spannungen zwischen beiden Volksgruppen zum Alltag. Auch wenn es Vietnam war, das Kambodscha von der Schreckensherrschaft Pol Pots befreite; heute fliehen die Vietnamesen wieder nach Vietnam, da sie, wie mir ein Kambodschaner erklärte, lieber lebend in die Heimat zurückkehren, als tot den Mekong herab zu treiben. Aber auch 200.000 Moslems leben in Kambodscha.
Die wenigen Strassen, die es gibt, gehören wohl zu den schlechtesten in ganz Asien. Myriaden Löcher, deren Tiefe durch das Wasser was in ihnen steht nicht schätzbar ist, machen jede Fahrt zu einem Abenteuer. In der Regenzeit kann es mehrere Wochen dauern, von Phnom Penh bis an die Grenze im Norden des Landes zu kommen.
Eine Strecke für die man sich bei uns für 2 Stunden gemütlich ins Auto setzt. Insgesamt gibt es nur 7 Fernstrassen, die von den Franzosen erbaut wurden. Zudem herrscht ein großer Mangel an Transportmöglichkeiten. Busse sind ständig überfüllt und oft sind LKWs die einzigen Verkehrsmittel, die für die kaputten Strassen des Landes geeignet sind. Noch heute sind viele Strassen vermint und engen die Bewegungsmöglichkeiten ein. Es gehörte zu den bevorzugten Taktiken der Roten Khmer Minen an Strassen und in Reisfelder zu legen, um Zivilisten zu verstümmeln oder zu töten. In Sieng Reap verging damals keine Stunde ohne dass man die Detonation eines Sprengsatzes hörte. Noch heute sind in einigen Teilen Kambodschas bei einer Zugfahrt die Plätze in den ersten beiden Waggons umsonst, denn die detonieren als erstes, wenn der Zug über eine Mine donnert.
Verkehr in Phnom Penh
In der Hauptstadt Phnom Penh sind Kriegskrüppel in Banden organisiert, deren Mitglieder von Geschäft zu Geschäft humpeln und von den Eigentümern Geld erpressen. Es ist auch vorgekommen, dass Autos und Busse mit vorgehaltener Waffe auf den Strassen angehalten werden. Ausländer werden zwar selten in derartige Zwischenfälle verwickelt, aber einen touristischen Spaziergang bietet Kambodscha noch lange nicht. Vor allem die Hauptstadt ist ein gefährliches Pflaster wie die AFP Meldung vom vergangenen Jahr erkennen lässt. Die weitere Entwicklung dieser Statistik hängt vor allem von der Hilfe der internationalen Staatengemeinschaft ab. Es gilt, das politische System des Landes zu stützen und beim Aufspüren und Vernichten unzähliger im Land verstreuter Minen zu helfen. Aus eigener Kraft ist dies nicht möglich. Hier sind vor allem die Herstellerländer von Landminen gefragt... aber das dürfte wohl politische Utopie sein..