Amazonas

Mutter aller Flüsse

Mit diesem klangvollen Namen verband ich endlos grüne und alles verschlingende Wälder, eine schier unerschöpfliche Artenvielfalt, und eine gehörige Portion Geheimnis und Abenteuer. Schon immer war es mein Traum diese berauschende Welt mit eigenen Augen zu sehen. Im Februar 1997 war es dann endlich so weit. Zusammen mit meinem Freund Markus Luthin sollte es von Venezuela aus über Brasilien, Peru und Ecuador nach Kolumbien gehen.

Tausende von Kilometer durch das Einzugsgebiet des Amazonas lagen vor uns. Die Reise führte uns in verstaubten Bussen und überfüllten Flusskähnen durch eines der letzten großen Regenwälder dieser Erde. Zurück blieb ein Vakuum an Eindrücken und Sehnsüchten. Vieles war sicherlich nicht so, wie wir es erwartet hatten. Anderes dagegen übertraf alle Vorstellungen. Einer der Höhepunkte unserer Reise war aber sicherlich die Fahrt auf dem Amazonas von Manaus über Tabatinga, bekannt als Grenzdreieck zwischen den Amazonasstaaten Brasilien, Peru und Kolumbien bis nach Iquitos, der größten Stadt am Amazonas, die nur über den Fluss oder mit dem Flugzeug erreichbar ist.

Ökologischer Reichtum

Grüne Wildnis

Das gigantische Wasserlabyrinth ist ein Phänomen: Der Amazonas durchfließt Südamerika von den Anden bis zum Atlantik mit einer Länge von 6 516 km. Er ist auf über 4 000 km schiffbar und bildet mit seinem 250 km breitem Mündungsgebiet und seinen über 200 Nebenflüssen das größte Flussgebiet der Erde. Erst 2000 konnte der Standort seiner Quelle, der jahrzehntelang umstritten war, im südperuanischen Nevado-Mismi-Gebirge genau bestimmt werden. Insgesamt ist das Einzugsgebiet mit mehr als 3,7 Millionen Quadratkilometern etwa so groß wie der indische Subkontinent und damit das größte zusammenhängende tropische Urwaldgebiet der Welt.

Es gibt hier Pflanzenfamilien die bis zu 120 Millionen Jahre alt sind und auf einem Hektar Land kann man bis zu 250 verschiedene Baumarten finden. Die Tierwelt ist unglaublich zahlreich. Allein mehrere Millionen Insektenarten werden hier von Experten vermutet. Erst 1% von ihnen sind bekannt und kategorisiert. Es ist unstrittig, dass der Regenwald des Amazonas in im Bezug auf den biologischen Reichtum der artenreichste Lebensraum der Welt ist. Fast scheint es, als wäre diese Fülle von Leben ein unkontrolliertes Wirrwarr aus Schlingen, Dornen und Blättern, doch das vermeintliche Chaos entpuppt sich als zerbrechliche Harmonie, dessen verletzliche Struktur zart und schwach genug ist um vom scheinbar unbelehrbaren Menschen vernichtet zu werden.

Das Paradies ist bedroht

Urwaldriese

Es ist zu befürchten, dass in absehbarer Zukunft ein großer Teil des südamerikanischen Urwaldes für immer verschwunden sein wird und man muss bezweifeln, dass dieser Prozess aufzuhalten ist. Zu gross ist die Profitgier machthungriger Konzerne und der Bedarf nach einem eigenen Stück Ackerland für die vielen tausend Besitzlosen Brasiliens. Doch die dünne Humusschicht ist schon nach ein bis zwei Ernten am Ende ihrer Fruchtbarkeit, so dass immer neuere Parzellen kostbaren Waldes geschlagen werden. Auch ohne theatralisches Pathos - angesichts fallender Urwaldriesen und sinnloser Brandrodung fällt es schwer nicht mit Wut und Unmut zu reagieren.

Auf eigene Faust

undurchdringlich

Es ist möglich einige Abstecher in den Regenwald zu unternehmen, aber nicht billig. Zu diesem Zweck heuert man sich für ein paar Tage einen Guide an, fährt mit dem Einbaum oder einem kleinen Außenborder auf schlanken gewundenen Nebenflüssen tiefer ins Landesinnere oder schlägt sich einen Weg durchs Dickicht. Hört sich gefährlich an, ist aber entgegen weitläufig verbreiteten Horrorgeschichten aus der so genannten grünen Hölle durchaus zu bewältigen - vorausgesetzt die Kondition macht mit und das Ego hat nichts gegen handteller großen Spinnen, Schlangen und allerlei anderen kleinen Tierchen.

Unerlässliche Prämisse für das Gelingen ist neben dem nötigen Kleingeld (1 Tag kostet ca. 80-100 US$) der gewählte Führer des Unternehmens. Ohne ihn wieder herauszufinden, Nahrung zu beschaffen oder Hilfe zu bekommen ist sicherlich ein schwieriges Unterfangen, es sei denn man heißt Rüdiger Nehberg, oder ist mit einem GPS System ausgerüstet. Ich muss zugeben, jeden Morgen erst einmal nachgeschaut zu haben ob unserer Führer noch anwesend ist und sich nicht mit der Ausrüstung aus dem Staub gemacht hat.

Eine Welt im Nebel

Nebelschwaden

In meiner Vorstellung vom Amazonas hatte Nebel bislang keinen Platz eingenommen. Aber es gibt hier Nebel der genauso klamm und kalt ist wie überall sonst. Wir fahren unter weit verzweigten Ästen her, die weit über das Flussufer hinausragen und ein grünes Dach bilden. Die heiße Luft ist erfüllt von einem milden, süßen Blumenduft. Manchmal scheint der Nebel den Fluss in eine blinde Spiegelfläche zu verwandeln und verleiht der urwüchsigen Landschaft Anmut und den Flair einer zauberhaften Oase des Friedens. Die Atmosphäre ist berauschend und im nächsten Augenblick unheimlich. Hier im Wald oder auf dem Wasser ist es oft so dunkel und trüb, dass die Dinge vor meinen Augen verschwinden um plötzlich wieder wie aus dem Nichts aufzutauchen. Nur zwei bis vier Prozent des Sonnenlichts dringt durch das dichte Dach der Baumriesen und macht das fotografieren zur Farce. Man muss sein Auge trainieren und wissen, wonach man Ausschau zu halten hat will man überhaupt etwas in dieser fremden Welt sehen, dass nicht in den verschieden Grün- und Brauntönen des Waldes zur unsichtbaren Materie wird. Nach einiger Zeit verändert der Dschungel sein Gesicht und ist überhaupt nicht mehr so ausgestorben, wie es anfangs den Schein gehabt hat. Leider ist meine Kameraausrüstung stark vom Schimmel befallen und schreit nach Ablösung. Die alles durchdringende Feuchtigkeit der Luft und die drückende Hitze arbeitet fleißig an der Demontage unserer Ausrüstung und an der Stabilität meines Kreislaufes. Aber die Vorstellung an einem Ort zu sein, der scheinbar unerforscht ist und an dem sich bis jetzt nur wenige Menschen verirrt haben ist aufregend. Für einen Möchtegernabenteurer wie mich ist diese Empfindung Rechtfertigung für alle Strapazen und Antrieb für neue Abenteuer zugleich.

Es bleibt eine fremde Welt

Kolibri

Die Geräuschkulisse schwankt zwischen den friedfertigen Gesängen einer bunten Vogelwelt und dem furchteinflößendem Geschrei unbekannter, verborgener Tiere, welche einem das Gefühl vermitteln jeden Schritt und jede Bewegung mit unsichtbaren Augen zu verfolgen. In der Nacht dringen die merkwürdigsten Geräusche aus dem Dschungel zu uns. Dumpfes Klopfen, ferne Schreie und andere Laute. Die Phantasie spielt dir Streiche und lässt dunkle Schatten vorbei huschen. Das ewig monotone Surren der Moskitos zerrt am mittlerweile sensiblen Nervenkostüm und verführt zu cholerischen Anfällen. Mit barbarischer Erbarmungslosigkeit umkreisen Myriaden der teuflischen Parasiten das Gesicht und verkleben Augen, Nasen und Ohren. Wenn ich abends in meiner viel zu kleinen Hängematte liege, die mir mittlerweile zur Qual geworden ist und meinen Rücken unerbittlich, Nacht für Nacht, peinigt, werde ich oft das Gefühl nicht los, dass wir so genannte zivilisierte Menschen hier im Garten Eden nichts zu suchen haben. Ich jedenfalls muss gestehen, dass die Grenze des körperlich Erträglichen für mich in spürbarer Nähe liegt, und mich meine euphorische Selbsteinschätzung betrogen hat. Der kultivierte Mensch von heute ist schon ein seltsames Wesen: Sitzt er zu Hause will er Abenteuer erleben - erlebt er Abenteuer will er zu Hause sitzen. Wir haben wohl schon vor langer Zeit in den besagten Apfel gebissen und sind vermutlich für das unbefangene Verständnis dieses Paradieses zu verdorben um es unverdrossen genießen zu können. Meine Bewunderung gilt daher den wenigen noch verbliebenen indigenen Völkern, die dieses großartige Traumland seit fast 20.000 Jahren besiedeln, und ihre bewundernswerte Integrität in dieser für uns so fremden und feindseligen, aber atemberaubenden Welt.

Eines weiß ich heute genau. Wenn es die Zeit erlaubt, werde ich wiederkehren, will noch einmal wie ein Entdecker den Amazonas flussaufwärts bereisen, ihn riechen und spüren, bevor er nicht mehr das ist, was er all die Jahre in meinen Träumereien gewesen ist. Wild, schön und respektvoll.